Leseprobe

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Kapitel 1

Tina setzte ihre zielgerichtete, steile Unterschrift unter den Brief, den Mia am Abend zuvor auf ihren Schreibtisch gelegt hatte.
Dr. med. Christina Villiger
Die Kirchturmuhr schlug Viertel vor neun. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, die ihr Jack vor 36 Jahren geschenkt hatte. All die Jahre hatte sie sie getragen wie einen Bu├čg├╝rtel, um nie zu vergessen. Wenn sie doch nur seine Beweggr├╝nde h├Ątte erfahren k├Ânnen. Allerdings h├Ątte sie nicht vor, sich mit ihm zu vers├Âhnen, sondern sie w├╝rde ihm die H├Âlle hei├čmachen und ihm das Unrecht zur├╝ckzahlen. Mit einem m├╝den Knurren scheuchte sie die alten Erinnerungen weg, die wie ein tropfender Wasserhahn zu einem ├Ąrgerlichen, aber vertrauten Ger├Ąusch geworden waren. Jetzt stand Wichtigeres an.
Um neun Uhr wurde sie im Aufsichtsrat erwartet. Der omin├Âse Punkt 8: Personelle Ver├Ąnderungen, zu dem sie keine weiteren Informationen erhalten hatte, gab ihr zu denken. Dabei geschah in der Klinik nichts, ohne dass sie es als Direktorin erfuhr.
Mit spitzen Fingern nahm sie die Brille ab, kramte in ihrer Schublade nach einem Brillenreinigungstuch und putzte sorgf├Ąltig die Gl├Ąser. Dann legte sie die Brille auf den Schreibtisch und massierte sich die Schl├Ąfen. Die Kopfschmerzen verschwanden nicht. Dennoch setzte sie sie wieder auf, strich sich eine widerspenstige Haarstr├Ąhne hinters Ohr, stand auf und zog den Kittel gerade. Nach einem weiteren Blick auf die Uhr dehnte sie den Nacken, straffte die Schultern und griff nach ihren Sitzungsakten.
Zielstrebig verlie├č sie ihr B├╝ro und machte sich auf den Weg in den dritten Stock. Sie wusste genau, wie lange sie f├╝r die Strecke durch die nach starkem Reinigungsmittel riechenden Flure ben├Âtigte. Punkt neun musste sie den T├╝rgriff hinunterdr├╝cken. Immer noch gr├╝belte sie ├╝ber die Tagesordnung nach. Pflegefachkr├Ąfte, Hotel- und Reinigungspersonal liefen direkt ├╝ber die Personalabteilung. Der Aufsichtsrat behandelte nur die Einstellung oder Entlassung von ├ärzten, und da standen aktuell keine Ver├Ąnderungen an.
Oder etwa doch? W├╝tend verdr├Ąngte sie das mulmige Gef├╝hl im Bauch, das sich breitmachen wollte.

Anstatt des Lifts, wollte sie die Treppe nehmen. Pl├Âtzlich klapperte hinter ihr eine T├╝r.
┬╗Tina, hast du einen Moment?┬ź Es war die Stimme von Dr. Merten, dem Leiter der Abteilung Alkoholentzug.
Tina drosselte ihr Tempo ein wenig und rief ├╝ber die Schulter: ┬╗Hat es Zeit bis nachher? Ich muss zur AR-Sitzung.┬ź
Dr. Merten holte zu ihr auf. ┬╗Es hei├čt, ein neuer Oberarzt solle eingestellt werden.┬ź
Tina runzelte die Stirn und beschleunigte wieder. ┬╗Das w├╝sste ich.┬ź Als durchtrainierte L├Ąuferin konnte sie mit ihren 1,78 m ziemlich Gas geben. Merten musste traben, um mit ihr Schritt halten zu k├Ânnen.
┬╗Doch, ganz bestimmt. Irgendetwas ist im Busch. Ich dachte, vielleicht wei├čt du Genaueres.┬ź
Tina warf ihm einen grimmigen Blick zu. ┬╗Wenn ich jedes Ger├╝cht der letzten f├╝nfundzwanzig Jahre ernst genommen h├Ątte, w├Ąren jetzt meine Haare grau oder ausgefallen.┬ź Unbewusst strich sie mit der freien Hand durch ihre kastanienbraune, lockige M├Ąhne, die trotz ihrer bald 59 Jahre kaum ein wei├čes Haar durchzog. Alle paar Wochen riss sie sich vor dem Spiegel einzeln aus, um ihrer Krone Geltung zu verschaffen.
An der Treppe angelangt, blieb sie stehen und blickte Merten mit einer hochgezogenen Augenbraue an. ┬╗Ist sonst noch was?┬ź
Keuchend sch├╝ttelte er den Kopf.
┬╗Also dann.┬ź Es klang wie ein Knurren. Sie nickte ihm knapp zu, dann rannte sie die Treppe hoch und nahm immer zwei Stufen auf einmal.
Beim Sitzungsraum angelangt, legte sie die Hand auf den T├╝rgriff und verharrte einen Moment, um sich zu sammeln. Der neunte Glockenschlag erklang. Energisch klopfte sie an und trat schwungvoll ein.

Am langen Eichentisch sa├čen die sieben Aufsichtsr├Ąte, vier Frauen und drei M├Ąnner, mit unterschiedlich ordentlich ausgebreiteten Sitzungsunterlagen. Am Kopfende thronte die Aufsichtsratsvorsitzende, Kantonsr├Ątin Vera Imboden. Au├čer in dieser Klinik, hatte sie noch in einer Handvoll weiterer Gremien den Vorsitz, darunter auch in einem Basler Pharmaunternehmen.
Vera Imboden warf Tina einen eisigen Blick zu und wies auf den Sessel am Fu├čende des Tisches. ┬╗Nehmen Sie Platz, Frau Dr. Villiger. Dann k├Ânnen wir weitermachen.┬ź
Tina nickte gr├╝├čend in die Runde und setzte sich. Obwohl ihr die Frage auf der Zunge brannte, worum es sich bei Punkt 8 handelte, h├╝tete sie sich, vorzupreschen. Vera Imboden reagierte ├Ąu├čerst empfindlich, wenn jemand ihrer Gespr├Ąchsf├╝hrung vorgriff. Das hatte sie gleich nach ihrem Amtsantritt demonstriert und den allseits beliebten Vizepr├Ąsidenten wegen einer Lappalie aus dem Gremium geworfen. ├äu├čerlich wirkte der Aufsichtsrat harmonisch, aber hinter den Kulissen kam es immer wieder zu Machtk├Ąmpfen. Die Anh├Ąnger des fr├╝heren Vizepr├Ąsidenten, der offen f├╝r alternative Behandlungsmethoden eingetreten war, opponierten gegen Imbodens Gesch├Ąftspolitik. Durch ihre Verflechtung mit der Pharmaindustrie verfolgte sie die Ans├Ątze der Schulmedizin und favorisierte bei der Behandlung die Gabe von Medikamenten. Andere Ans├Ątze wurden von ihr rigoros eliminiert und Tina tat gut daran, sich diesen Leitlinien unterzuordnen.
Die Tagesordnungspunkte 4 bis 7 wurden in der ├╝blichen Routine abgehandelt. Tina erstattete Bericht, beantwortete Fragen und Vera Imboden lie├č ├╝ber die Beschl├╝sse abstimmen. Endlich war Punkt 8 an der Reihe, der letzte, den Tinas Anwesenheit erforderte. Danach w├╝rde sie die Sitzung verlassen und erst wieder zum Mittagessen dazusto├čen.
┬╗Frau Dr. Villiger, wie lange arbeiten Sie jetzt schon in der Klinik Sonnenhof?┬ź
┬╗Fast f├╝nfundzwanzig Jahre.┬ź Beinahe h├Ątte sie ┬╗Gn├Ądige Frau┬ź hinzugef├╝gt.
┬╗Und wann haben Sie den letzten Urlaub gehabt?┬ź
Worauf wollte sie hinaus? Tina legte die H├Ąnde zusammen. ┬╗Ich denke, das muss im letzten Jahr gewesen sein.┬ź Eigentlich war das etwas, was ganz bestimmt in Imbodens Sitzungsunterlagen stand.
Vera Imboden nickte grimmig. ┬╗Genau. Seit ihrem letzten Urlaub, der notabene gerade mal viereinhalb Tage gedauert hat, das Wochenende inklusive, sind jetzt zehn Monate vergangen. Das hei├čt, Sie arbeiten pausenlos, machen ├ťberstunden ohne Ende, ├╝bernehmen Dienste f├╝r Kollegen und haben auf diese Weise einen Berg von Ferien und ├ťberstunden angeh├Ąuft, den Sie in diesem Leben kaum noch beziehen k├Ânnen.┬ź
Tina unterdr├╝ckte den Impuls, mit den Schultern zu zucken und etwas wie: ┬╗Na und?┬ź, zur├╝ckzuschie├čen. Sie wusste selbst am besten, dass sie nur arbeitete, ohne sich jemals Zeit f├╝r sich zu nehmen oder ein echtes Hobby zu pflegen. Au├čer, dass sie hin und wieder romantische Serien aus Korea schaute. Die Arbeit war ihr Leben. Es lenkte sie von sich selbst und ihrer Situation ab.
┬╗In K├╝rze feiern Sie Ihren neunundf├╝nfzigsten Geburtstag und in f├╝nf Jahren gehen Sie in Rente.┬ź Imboden nahm mit spitzen Fingern ihre auf der Nasenspitze balancierende Lesebrille ab und fixierte sie mit kalten Augen wie ein Frosch die fette Fliege an der Wand. ┬╗Sind Sie sich dessen bewusst, Frau Dr. Villiger?┬ź
Tina war verwirrt. Was sollte diese Frage? Sie konnte brillant ├╝ber Fachfragen diskutieren und hatte sich noch aus jeder verf├Ąnglichen Diskussion herausgewunden. Aber dieser Angriff auf ihre Privatsph├Ąre erwischte sie auf dem falschen Fu├č. ┬╗Ja, also ÔÇŽ Ich denke ÔÇŽ┬ź, stotterte sie und suchte fieberhaft nach etwas, woran sie sich festhalten konnte, um wieder festes Terrain zu finden.
┬╗Tina.┬ź Karlheinz Peter schaltete sich breit l├Ąchelnd ein, zu dem sie menschlich den besten Draht im Aufsichtsrat hatte. ┬╗Wir machen uns doch nur Sorgen um dich. Wie kann ein Mensch denn unter dieser Dauerbelastung funktionieren, der du ausgesetzt bist? Du wirst nicht j├╝nger und du sollst dich hier doch nicht zu Tode schuften.┬ź
Endlich fand Tina ihre Contenance wieder. ┬╗Mir geht es gut. Die Klinik ist mein Leben und ich brauche keinen Urlaub, um mich entspannen zu k├Ânnen.┬ź
Vera Imboden pochte mit dem Fingerkn├Âchel auf den Tisch. ┬╗Aber als Arbeitgeberin haben wir eine gesetzliche Verantwortung. Was denken Sie, wie man mit dem Finger auf uns zeigen w├╝rde, sollten Sie pl├Âtzlich an einem Burn-out erkranken oder Schlimmeres?┬ź
┬╗Wie gesagt, ich f├╝hle mich gesund und vital. Die Arbeit ist mein Leben. Ich komme jeden Tag gerne in die Klinik und k├╝mmere mich mit Herzblut um alle Belange.┬ź
┬╗Frau Dr. Villiger, das zweifelt auch niemand an. Doch es ist unsere Verantwortung, dass die Arbeitsgesetze eingehalten werden und Sie Ihre angeh├Ąuften Ferien und ├ťberstunden endlich abbauen. Das funktioniert nur, indem Sie tats├Ąchlich in Urlaub fahren.┬ź
Tina holte Luft, um etwas zu erwidern, aber Vera Imboden hob die Hand. ┬╗Ich wei├č, was Sie sagen wollen. Die Arbeitsbelastung lie├če es nicht, so viele wichtige Projekte, sie h├Ątten keine f├Ąhige Stellvertretung et cetera blah-blah. Aber jetzt muss sich etwas ├Ąndern.┬ź
Eine kalte Faust umschloss Tinas Herz. Wollte man sie etwa degradieren oder gar entlassen?
Wieder war es Karlheinz, der Tinas Gef├╝hle offenbar gelesen hatte und hilfreich eingriff. ┬╗Keine Angst, niemand will dich loswerden. Aber wir m├╝ssen das Problem aktiv anpacken, sonst fliegt es uns eines Tages um die Ohren.┬ź
Tina atmete verstohlen tief durch. ┬╗Und wie sieht die L├Âsung aus?┬ź
┬╗Wie Frau Imboden gesagt hat, gehst du in f├╝nf Jahren in Rente. Hast du dir schon einmal dar├╝ber Gedanken gemacht, was du dann tun willst?┬ź
Tina sch├╝ttelte den Kopf. Nein, an dieses Szenario hatte sie noch nie einen Gedanken verschwendet. F├╝nf Jahre waren ja so lange hin, da konnte noch alles M├Âgliche passieren.
┬╗Siehst du, das haben wir uns gedacht. Und damit du dich jetzt schon langsam auf diesen unausweichlichen Schritt vorbereiten kannst, wollen wir dir dabei helfen. Fange doch damit an, deine aufgelaufenen Ferien und ├ťberstunden zu beziehen, und nimm dir eine ausgiebige Auszeit.┬ź
Tina klappte das Kinn herunter. ┬╗Eine Auszeit ÔÇŽ Ich? Was soll ich denn damit?┬ź
Zum ersten Mal erklang wohlwollendes Kichern von den Anwesenden.
┬╗Frau Dr. Villiger, ich sehe, Sie f├╝hren diese Klinik mit Disziplin und starker Hand. Aber dabei vernachl├Ąssigen Sie Ihr eigenes Leben. Deshalb geben wir Ihnen die M├Âglichkeit, die Klinikleitung St├╝ck f├╝r St├╝ck abzugeben und sich auf Ihren dritten Lebensabschnitt vorzubereiten. Und wohlgemerkt, das ist keine Degradierung oder Entm├╝ndigung. Verstehen Sie es viel mehr als Dank f├╝r Ihre geleisteten Dienste und g├Ânnen Sie sich etwas Gutes.┬ź
Tina blinzelte. Vera Imboden klang pl├Âtzlich ein bisschen menschlich. ┬╗Was soll ich dazu sagen? Ich habe mir dar├╝ber wirklich noch nie Gedanken gemacht.┬ź
┬╗Du k├Ânntest beispielsweise ein Buch schreiben┬ź, schlug Karlheinz vor.
┬╗Oder eine fortschrittliche Entzugsklinik in den USA besuchen┬ź, warf jemand anderes ein.
┬╗Oder in ein Kloster gehen und fasten.┬ź
┬╗Oder in Nepal meditieren.┬ź
┬╗Oder einfach mal einen Monat in ein einsames Schloss in Schottland fahren.┬ź
Tina hielt sich den Kopf mit beiden H├Ąnden fest. Das wurde ja immer besser. Da w├╝rde sie glatt durchdrehen.
┬╗Ich habe wirklich keine Zeit f├╝r solcheÔÇŽ┬ź
┬╗Deshalb erhalten Sie zuerst einmal Entlastung f├╝r ihre t├Ągliche Arbeit als Klinikleiterin┬ź, unterbrach Vera Imboden ihre Abwehr und nickte Karlheinz zu. ┬╗Herr Peter, holen Sie ihn rein.┬ź
Karlheinz stand auf, l├Ąchelte Tina zwinkernd zu, als er an ihr vorbei ging und die T├╝r ├Âffnete. ┬╗Dr. Kim, darf ich Sie bitten?┬ź
Tina drehte sich herum und erblickte einen hochgewachsenen, schlanken Asiaten. Seine Haare waren perfekt geschnitten und tiefschwarz. Nur an den Schl├Ąfen schimmerten sie hell. Er sah genauso aus, wie die ├ärzte in den koreanischen Serien. Mittlerweile konnte sie deren f├╝r uns oft unergr├╝ndlich fremdartige Mimik ziemlich gut deuten. Sie starrte Dr. Kim wie gebannt an. Er war wirklich ein absoluter Hingucker. Sein Gesicht sah zwar aus wie das eines F├╝nfundzwanzigj├Ąhrigen, aber die feinen Kr├Ąhenf├╝├če an seinen Augen verrieten ihr, dass er gut und gern f├╝nfzig Jahre oder ├Ąlter sein konnte. Auch seine gro├čen H├Ąnde waren bemerkenswert elegant und mit perfekt gepflegten Fingern├Ągeln versehen.
┬╗Anyeong-ahsyo. Kim Dae Jeong, ibnida. Guten Morgen. Ich hei├če Dejong Kim, nach deutscher Sprechart.┬ź Sein Hochdeutsch hatte einen leicht abgehackten, doch charmanten, asiatischen Akzent. Tina starrte den markanten Adamsapfel an, der beim sprechen auf und ab h├╝pfte.
Unbewusst stand sie auf und verneigte sich auf koreanische Art. ┬╗Anyeong-ahsyo! Villiger Ti Na, ibnida.┬ź
Kim streckte ihr die Hand hin. ┬╗Freut mich, Sie kennenzulernen.┬ź
Automatisch antwortete sie ebenfalls auf Hochdeutsch. ┬╗Ich h├Ątte nicht erwartet, auf Koreanisch begr├╝├čt zu werden.┬ź Sie erwiderte seinen erstaunlich harten H├Ąndedruck. Eigentlich wusste sie noch gar nicht, weshalb Dr. Kim wirklich hier war und doch war sie seinem Charme vom ersten Moment an erlegen.
Vera Imbodens politische Stimme holte sie in die Realit├Ąt zur├╝ck. ┬╗Na, wie ich das sehe, verstehen Sie sich ja pr├Ąchtig. Dann steht einer guten Zusammenarbeit nichts im Wege. Wir haben Dr. Kim als Oberarzt und Ihren Stellvertreter eingestellt. Er soll Sie in der t├Ąglichen Arbeit unterst├╝tzen und die Klinik w├Ąhrend Ihrer Auszeit f├╝hren.┬ź
Nun kehrte Tina in ihre Rolle als Klinikleiterin zur├╝ck und verbannte das L├Ącheln, das sich auf ihrem Gesicht festgesetzt hatte. ┬╗Dann ist das also schon beschlossen worden, bevor ich mich dazu ├Ąu├čern konnte?┬ź
┬╗Es h├Ątte nichts an der Situation ge├Ąndert, Frau Dr. Villiger. Sie m├╝ssten so oder so dazu gezwungen werden, Ihren Urlaub und die ├ťberstunden zu beziehen. Dr. Kim f├Ąngt in acht Tagen am 1. M├Ąrz an. Bereiten Sie bis dahin ein B├╝ro f├╝r ihn vor. Noch Fragen?┬ź Die letzte Bemerkung war nur rhetorisch gemeint, weshalb sie den Kopf sch├╝ttelte. ┬╗Gut, dann sehen wir uns um zw├Âlf Uhr zum Mittagessen. Dr. Kim wird uns ebenfalls Gesellschaft leisten. F├╝hren Sie ihn bis dahin durch die Klinik, Frau Dr. Villiger. Dann bis sp├Ąter.┬ź Vera Imboden nickte ihnen abschlie├čend zu, wie es auch Tina gerne zu tun pflegte, dann verlie├čen sie das Sitzungszimmer.

W├Ąhrend sie Dr. Kim durch die Klinik f├╝hrte und ├╝berall vorstellte, beobachtete sie immer wieder fasziniert, wie sein nat├╝rlicher, asiatischer Charme auf ihre Mitarbeiter wirkte und ihnen ein L├Ącheln ins Gesicht zauberte. Er verk├Ârperte diese Mischung aus Vertrautheit und vornehmer, fast sch├╝chterner Distanz, die sie so gut aus den Serien kannte. Bisher hatte sie immer gedacht, das sei blo├č im Film so, aber dass sich Dr. Kim im echten Leben so bewegte und ausdr├╝ckte, h├Ątte sie niemals gedacht. Andererseits, wenn die sanfte Seite des Koreaners echt war, dann konnte auch das pl├Âtzlich laut Aufbrausende zum Vorschein kommen. Als in einem Film das erste Mal jemand pl├Âtzlich so animalisch losgebr├╝llt hatte, war sie erschrocken zusammengezuckt. Aber der Kontrahent im Film hatte es stoisch ├╝ber sich ergehen lassen und unger├╝hrt etwas erwidert, worauf der Br├╝llhans wieder heruntergekommen war.
┬╗Woran denken Sie?┬ź, fragte Dr. Kim. Hatte sie ihre Mimik so schlecht im Griff?
Sie sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Sie w├╝rden mich f├╝r verr├╝ckt oder kindisch halten, wenn ich es ihnen erz├Ąhlen w├╝rde.┬ź
┬╗Sie haben mich heimlich beobachtet. Wo haben Sie eigentlich Koreanisch gelernt?┬ź
Jetzt wurde sie doch tats├Ąchlich rot. ┬╗Ich liebe asiatische Serien, vor allem die koreanischen. Da habe ich schon die einen oder anderen Gespr├Ąchsbrocken aufgeschnappt und aus purem Spa├č ein paar Vokabeln gelernt. Aber von Verstehen oder gar dem F├╝hren einer Konversation bin ich weit entfernt.┬ź
┬╗Ah, ich verstehe.┬ź
Was mochte er hinter seinem h├╝bschen Gesicht denken?
┬╗Dann kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen, und Ihren Wortschatz erweitern.┬ź
Tina blickte ihn an. Er schien es ernst und ehrlich zu meinen. Doch auch das war eine Spezialit├Ąt asiatischer Filme, dass die Charaktere oft hinter ihrem freundlichen Pokerface Intrigen spannen. Wieder sch├╝ttelte sie den Kopf. Sie musste unbedingt aufh├Âren, Dr. Kim st├Ąndig mit ihren Filmfiguren zu vergleichen. Viel wichtiger war, was sie aus der neuen Situation machen sollte. Dass dieser attraktive Oberarzt neben ihr herlief und ihr Stellvertreter werden w├╝rde, war eine Tatsache. W├╝rde er kooperieren oder bei erstbester Gelegenheit versuchen, sie aus ihrer Position zu hebeln, um selbst Klinikleiter zu werden?
┬╗Was ist Ihr Fachgebiet, Dr. Kim?┬ź, fragte sie.
┬╗Nach dem Bachelor habe ich in Heidelberg studiert und mich auf die Behandlung von Suchtkrankheiten spezialisiert.┬ź
┬╗Wo haben Sie sich mit den verwaltungstechnischen Abl├Ąufen einer Klinik wie der unseren, die so viele Fachrichtungen umfasst, vertraut gemacht? ┬ź
┬╗Nach dem Studium habe ich mein praktisches Jahr im John Hopkins Medical Center in Baltimore absolviert. Danach arbeitete ich einige Jahr in Seoul und wurde dann nach Heidelberg berufen, wo ich zum Stellvertreter des Klinikleiters aufstieg. Das Universit├Ątskrankenhaus war um Einiges komplexer als Ihre Klinik.┬ź
┬╗Beeindruckend.┬ź Sie betraten ihr eigenes B├╝ro. Tina wies auf den Sessel ihrer kleinen Polstergruppe. ┬╗Bitte nehmen Sie Platz.┬ź
Dr. Kim wartete, bis sie sich gesetzt hatte, bevor er selbst Platz nahm.
┬╗Aber warum werden Sie nicht selbst Klinikleiter?┬ź Bis jetzt hatte sie noch keinen Anhaltspunkt gefunden, dass er Ambitionen auf ihren Posten h├Ątte.
Er sah ihr offen und frei in die Augen. ┬╗Zuviel Verwaltungskram. Ich bin nicht Arzt geworden, um meine Zeit nur noch mit administrativen Belangen zuzubringen. Mein Herz schl├Ągt f├╝r die Menschen, die meine Hilfe brauchen.┬ź
Sie seufzte. ┬╗Ja, da haben Sie recht. Mir fehlt der Kontakt zu den Patienten auch. Deshalb ├╝bernehme ich viele zus├Ątzliche Dienste von Kollegen, um am Ball zu bleiben. F├╝r Privates bleibt da nicht mehr viel Zeit.┬ź
Dr. Kim schmunzelte. ┬╗Au├čer f├╝r koreanische Serien.┬ź
Sie erlaubte sich ein kleines L├Ącheln und hob die Schultern. ┬╗Das ist meine kleine Freude, wenn ich mich entspannen will.┬ź
Nach einer Weile Small-Talk schaute sie auf ihre Uhr. ┬╗So, Zeit f├╝rs Mittagessen mit dem Aufsichtsrat. Lassen Sie sich von Frau Imboden einfach nicht einsch├╝chtern. Sie liebt es, die Platzhirschin zu sein, aber auf der sachlichen Ebene ist sie eine kompetente Verhandlungspartnerin.┬ź
Sie stand auf und wies Dr. Kim den Weg zur T├╝r. ┬╗Crom┬ź, rutschte ihr eine weitere Floskel heraus, die ihrem h├Ąufig benutzen ┬╗Also dann┬ź entsprach.
Er spielte mit, neigte ebenfalls den Kopf und knarrte mit tiefer Stimme: ┬╗Crom.┬ź Dann marschierten sie gemeinsam zur Kantine, wo sie in einem separaten Raum auf den Aufsichtsrat treffen w├╝rden.
Tina entspannte sich immer mehr. Sie fand keinen Ansatz, dass Dr. Kim ihr gef├Ąhrlich werden w├╝rde. So konnte sie sich innerlich mit der baldigen Auszeit auseinandersetzen, die zwar noch wie ein unerforschter Berg vor ihr stand. Aber in ihrem Leben hatte sie noch jeden Berg bezwungen und es w├Ąre gelacht, wenn sie nicht auch diese Auszeit effizient und sinnerf├╝llt verbringen w├╝rde.


Tina lie├č ihre Joggingrunde auf den letzten Metern vor ihrem Haus gem├╝tlich ausklingen, atmete tief durch und dehnte sich. Sie genoss es, dass sie dank der Unterst├╝tzung durch Dr. Kim fast regelm├Ą├čig p├╝nktlich Feierabend machen konnte und endlich wieder einmal f├╝r sich selbst Zeit fand. Er lernte rasch, war flei├čig und begriff Abl├Ąufe blitzschnell. Und er war so gen├╝gsam, dass es beim Zuschauen wehtat. Anstatt eine standesgem├Ą├če Wohnung zu mieten, hatte er im Mitarbeiterwohnheim neben Praktikanten und Schwesternsch├╝lerinnen ein kleines Zimmer mit Dusche und einer winzigen Einbauk├╝che genommen. Er schien kein Privatleben zu haben und arbeitete fast rund um die Uhr. Tina hatte ihn deswegen schon ermahnt und ihm klargemacht, dass auch er sich an die arbeitszeitlichen Vorgaben zu halten habe. Am├╝siert stellte sie fest, dass in den letzten Jahren sie es gewesen war, die genau an diesem Punkt versagt hatte.
Nach dem Duschen z├╝ndete sie ein paar Kerzen an und setzte sich mit einem Buch ins Wohnzimmer. Dazu sog sie an einem gr├╝nen Smoothie, den sie sich gemixt hatte.
Ihr Handy klingelte. Sie senkte das Buch und warf einen Blick aufs Display. Es war ihre Nichte Kiara. Sie nahm das Gespr├Ąch entgegen.
┬╗Hallo, Kiara. Hast du mich vermisst?┬ź
┬╗Hey, Tantchen. Naja, vermisst ist noch untertrieben. Dabei hast du doch jetzt mehr Zeit, oder?┬ź
┬╗Das ist verr├╝ckt. Obwohl ich Entlastung bekommen habe, l├Ąuft mir die Zeit davon. Ich werde wohl doch langsam ├Ąlter.┬ź
Kiara kicherte. ┬╗Du spinnst doch. Ich glaube eher, dass du vor dir selbst davonl├Ąufst. Wei├čt du endlich, wie du deine Auszeit gestalten wirst?┬ź
Tina schnaubte auf. ┬╗Jetzt hast du meinen Leseabend ruiniert┬ź, knurrte sie ins Telefon.
Kiara zwitscherte: ┬╗Du bist also noch nicht weiter? Das hab ich mir schon gedacht. Hey, soll ich r├╝berkommen und dir beim Nachdenken helfen? Hier ist es sowieso ungem├╝tlich. Die rei├čen die Stra├če auf und arbeiten von fr├╝h morgens bis sp├Ąt abends. Ich hab da noch eine Flasche Rahmlik├Âr, die wir uns zu Gem├╝te f├╝hren k├Ânnten.┬ź
Tina schob die Unterlippe vor. Kiara wusste immer, wie sie sie triggern konnte. ┬╗Also gut, du hast mich ├╝berredet. Wenn du magst, kannst du hier ├╝bernachten. Das G├Ąstezimmer ist bereit.┬ź
┬╗Du hast mich auch ├╝berredet. In einer Viertelstunde bin ich bei dir.┬ź
Tina legte auf und sah sich in der Wohnung um. Aber bei Kiara musste sie sich eigentlich keine Gedanken machen. Sie war, genau wie Tinas Schwester, das pure Gegenteil zu ihrem Perfektionismus, schon fast ein wenig zu chaotisch. Mit Kiara verband sie seit deren Teenagerjahren eine Freundschaft auf Augenh├Âhe. Sie liebte das quirlige, von Ideen ├╝bersprudelnde M├Ądchen, und verbrachte gerne Zeit mit ihr. Jetzt war Kiara auch schon fast drei├čig und arbeitete als Sprechstundenhilfe in der Klinik Hirslanden, zehn Minuten von F├Ąllanden entfernt. Nur etwas machte ihr Sorgen. Kiara sehnte sich so nach einer sch├Ânen und stabilen Beziehung zu einem netten Mann. Doch sie hatte st├Ąndig Pech und traf immer nur Schmarotzer oder Verlierertypen. Zurzeit datete sie einen Luca, aber sie sprach nicht dar├╝ber. Also war es vermutlich auch nicht die gro├če Liebe, auf die sie wartete. Es konnte sich nur noch um Wochen handeln, bis sie sich bei Tina ausweinte, mit ihr eine Flasche Rahmlik├Âr trank, dazu zweihundert Gramm Pralinen a├č und sich dann frohgemut den n├Ąchsten Looser anlachte. Es war ein Jammer. Wenn sie ihr nur helfen k├Ânnte. Aber wie sollte sie ihrer Nichte denn schon gro├č helfen, wo sie selber beziehungsunf├Ąhig war, zumindest was M├Ąnner anging. Dabei hatte sie als junges M├Ądchen auch W├╝nsche und Tr├Ąume gehabt. Doch dar├╝ber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Deshalb schob sie diese Gedanken entschieden beiseite und ├Âffnete die Fenster, um noch ein wenig frische Luft hereinzulassen, bevor Kiara ankam.

Tina schob sich einen L├Âffel Tiramisu in den Mund und nippte an ihrem Glas. Dabei mied sie geflissentlich Kiaras R├Ântgenblick.
┬╗Ehrlich, Tina, du bist noch keinen Zentimeter weiter gekommen? In zwei Wochen beginnt dein Urlaub. Und dann? Wie willst du die Zeit f├╝llen?┬ź Sie stocherte mit ihrem L├Âffel in ihrem Dessert und sah Tina streng an.
┬╗Wei├čt du, ich habe einfach keinen Plan. Weder f├╝r diese Auszeit, noch f├╝r meine Pensionierung.┬ź
┬╗Hast du nicht erz├Ąhlt, man habe dir nahegelegt, die Auszeit als ├ťbung und Vorbereitung auf die Rente anzusehen?┬ź
┬╗Ja┬ź, gab Tina kleinlaut zu.
Kiara nahm einen gro├čen Schluck BaileyÔÇÖs und goss sich nach. Tina schob ihr Glas ebenfalls n├Ąher und lie├č es von ihrer Nichte auff├╝llen.
┬╗Hast du es schon einmal mit Aufschreiben probiert?┬ź
Tina sch├╝ttelte den Kopf. ┬╗Was soll ich schon gro├č notieren?┬ź
┬╗Einfach mal Ideen zusammentragen. Kennst du die Cluster-Methode?┬ź
┬╗Schon davon geh├Ârt.┬ź
┬╗Ah, immerhin, aber noch nie selbst angewendet? Hol doch mal einen Schreibblock und Stifte.┬ź
Tina erhob sich seufzend. Wenn sich Kiara in etwas hineinsteigerte, gab es kein Entweichen. Aber jetzt war doch ihre Neugierde geweckt, was aus diesem Experiment werden konnte. Sie legte den Block und die Stifte auf den Tisch.
┬╗So, wir schreiben erst f├╝r uns selbst. Du f├╝r dich und ich ebenfalls f├╝r dich. Nach einer Weile tragen wir unsere Gedanken zusammen.┬ź Sie riss f├╝r sich eine Seite ab und schob Tina den Block hin. ┬╗Beginnen wir mit T├Ątigkeitsw├Ârtern. Schreibe auf, was dir einf├Ąllt und zeichne einen Kreis darum. Dann l├Ąsst du die Gedanken wandern und schaust, was dir zu diesem Wort einf├Ąllt. Schreib sie rings um den Begriff herum, kreise sie auch ein und verbinde sie zus├Ątzlich mit dem zentralen Wort. Wenn dir zu den neuen Begriffen noch mehr einf├Ąllt, schreibst du einfach immer weiter nach au├čen. Hast du das Prinzip begriffen?┬ź
Tina nickte. ┬╗Alles klar, legen wir los.┬ź Sie neigten die K├Âpfe und begannen, zu schreiben, Kreise und Linien zu zeichnen. Schon bald f├╝llten sich die Bl├Ątter und Tina wich auf eine neue Seite aus. Schlie├člich versiegten die Ideen und sie blickte auf.
┬╗Bist du fertig?┬ź, fragte Kiara. ┬╗Und, wie ist es gelaufen? Hast du die innere Quelle gefunden?┬ź
Tina strich sich eine Str├Ąhne hinter das Ohr. ┬╗Ja, es ist erstaunlich. Im Nu hatte ich zwei Seiten vollgeschrieben. Ich wei├č gar nicht, wo die Gedanken alle hergekommen sind.┬ź
Kiara l├Ąchelte. ┬╗Nicht wahr? Mich begeistert es auch immer wieder. Dann lass mal h├Âren.┬ź
Tina hatte das Prinzip begriffen und begann schon damit, nach dem Ausschluss-Verfahren Dinge durchzustreichen, die keinen Sinn machten. ┬╗Meine T├Ątigkeiten sind Schlafen, Essen, Wandern, Renovieren, Lesen, Serien gucken, Fahrradfahren, Reisen, Musizieren, Kontakte pflegen, alleine sein ÔÇŽ┬ź
┬╗Super. Ich habe noch weitere, die ich dir anbieten kann: T├Âpfern, Korbflechten, Tischlern, Singen, Neues lernen, ins Kloster gehen.┬ź
┬╗Ich habe rund vier Monate, die ich ausf├╝llen muss. Dabei bin ich frei, ob ich die Zeit am St├╝ck oder aufgeteilt nehmen will. Wenn ich das alles sehe, br├Ąuchte ich mindestens ein Jahr.┬ź
┬╗Wenn du zur Ruhe kommen willst, w├Ąre vielleicht eine erste l├Ąngere Zeitspanne ideal, wo du etwas tun kannst, um ganz zu dir zu finden.┬ź
Tina r├╝mpfte die Nase und zeigte auf Kiaras Blatt. ┬╗Meinst du das mit dem Kloster ernst?┬ź
┬╗Ja, es gibt Schweigewochen, die sehr reinigend wirken. Dabei darfst du den ganzen Tag nicht mit anderen Menschen kommunizieren. Nur lesen, singen, beten oder spazieren. Eine Kollegin von mir hat das schon gemacht und es als sehr bereichernd empfunden.┬ź
Tina legte den Kopf schief. ┬╗Ich wei├č nicht so recht. Schau mal, zu den T├Ątigkeiten habe ich schon ein paar W├╝nsche gesammelt. Ich w├╝rde gerne mal eine mehrt├Ągige Wanderung machen oder mit dem Fahrrad fahren. Mir kam so die Idee, ich k├Ânnte alle sechsundzwanzig Schweizer Kantonshauptst├Ądte mit dem Fahrrad besuchen und ein Selfie vor dem jeweiligen Rathaus schie├čen.┬ź
┬╗Ja, tolle Idee. Ich bin sicher, dass du da innerlich zur Ruhe kommst.┬ź
┬╗Und dann wollte ich gerne mal nach Asien reisen.┬ź
┬╗Korea im Speziellen?┬ź, hakte Kiara mit einem wissenden Augenzwinkern nach.
Tina l├Ąchelte versonnen. ┬╗Ja. Und wenn es machbar w├Ąre, w├╝rde ich gerne die Kirschenbl├╝te oder die Pfirsichbl├╝te erleben.┬ź
┬╗Na, schau an, so viel Romantik h├Ątte ich dir gar nicht zugetraut.┬ź
┬╗Ach was, ich ginge doch allein. Da mache ich mir keine Gedanken von wegen Romantik.┬ź
Kiara zwinkerte neckisch. ┬╗Vielleicht lachst du dir ja einen netten Koreaner an? Ist nicht dein neuer Oberarzt Koreaner?┬ź
┬╗Ja, ja, und abends geht die Sonne auf. Mach dir da mal keine Hoffnungen. F├╝r mich ist der Zug abgefahren.┬ź
┬╗Wer wei├č, Wunder sind immer m├Âglich.┬ź
Tina kritzelte demonstrativ auf ihren Bl├Ąttern. ┬╗Vielleicht melde ich mich f├╝r einen Einsatz in einem Hilfsprojekt irgendwo in der Dritten Welt. Da muss ich mal recherchieren, ob sie auch Psychiater brauchen k├Ânnen. Oder ich gehe in Afrika Brunnen graben.┬ź
Kiara runzelte die Stirn. ┬╗Du willst im Dreck buddeln?┬ź
Tina zuckte mit einer Schulter. ┬╗W├Ąre doch mal was anderes.┬ź Sie faltete ihre Notizen zusammen. ┬╗Danke, Kiara, du hast mir sehr geholfen. Diesen Schubser habe ich gerade sehr n├Âtig gehabt. Aber jetzt genie├čen wir den Rest des Abends.┬ź
┬╗Und woran hast du gedacht?┬ź, fragte Kiara mit lachenden Augen.
┬╗An einen asiatischen Film ÔÇŽ┬ź
Kiara schlug sich lachend auf die Schenkel. ┬╗Was auch sonst. Ich bin dabei.┬ź

Als Tina am Morgen erwachte, f├╝hlte sie sich wie von einem Traktor ├╝berfahren. Trotz des lustigen Abends mit Kiara, hatte sie schlecht geschlafen. In ihren Tr├Ąumen irrte sie endlose Korridore entlang. Geradeaus n├Ąherte sie sich einer offenen T├╝r, hinter der goldenes Licht leuchtete. Aber es blendete so stark, dass sie sich davor f├╝rchtete und lieber im modrigen Schatten blieb. Doch hinter ihr r├╝ckten finster dreinblickende Gestalten mit H├Ąmmern und Brechstangen n├Ąher. Im Traum war ihr klar, dass sie vor diesen Typen fl├╝chten musste und der einzige Ausweg war die goldene T├╝r. Kurz bevor sie durch die T├╝r schritt, ├Ąnderte sich der Traum und sie befand sich in einer weiteren, beengenden und ├╝berfordernden Situation. So schlug sie sich die Nacht irgendwie um die Ohren. Bis sie mit Kopfschmerzen erwachte, im Nacken ein Ziehen sp├╝rte und den Eindruck hatte, ihre Augen seien zur Gr├Â├če von Tomaten geschwollen.
┬╗Guten Morgen, Tina┬ź, zwitscherte Kiara, die bereits dabei war, Fr├╝hst├╝ck zuzubereiten. ┬╗Gut geschlafÔÇŽ Oh mein, was ist denn mit dir los? Bist du krank?┬ź
Tina rieb sich den Nacken. ┬╗Nein, mir geht es gut.┬ź
┬╗Du ├╝bertreibst wieder einmal ma├člos. Sag schon, was ist passiert?┬ź
Tina lie├č sich auf einen K├╝chenstuhl fallen. ┬╗Ich w├╝rde sagen, die Auszeit wirft ihre Schatten. Und der Lik├Âr hat auch nicht unbedingt geholfen. Danke f├╝rs Fr├╝hst├╝ck machen.┬ź
Kiara goss den Kaffee auf die altmodische Art auf und schenkte zwei Tassen ein. Sie stellte eine vor Tina ab. ┬╗Trink erst mal einen Schluck. Vielleicht wird es ja besser.┬ź
┬╗Danke.┬ź Tina gab etwas Milch hinein und nippte an ihrer Tasse. ┬╗Ich habe wieder vermehrt Kopfschmerzen. Vielleichte sollte ich ein Aspirin nehmen.┬ź Aber sie f├╝hlte sich zu schlapp, um nochmals aufzustehen und im Badezimmer nach den Tabletten zu suchen. Sie setzte die Tasse ab und massierte sich die Schl├Ąfen.
┬╗Ich bin da auf ├Ątherische ├ľle gesto├čen, die bei Verspannungen extrem gut helfen┬ź, sagte Kiara und strich sich ein Brot. Dann biss sie hinein und fragte kauend: ┬╗Willst du es mal ausprobieren?┬ź
┬╗Ach, das sind doch M├Ąrchen. Da muss man vor allem dran glauben, damit es hilft.┬ź Tina hatte noch nie viel f├╝r alternative Heilmethoden ├╝brig gehabt. Dass jetzt Kiara damit anfing, wunderte sie schon ein bisschen.
┬╗Das habe ich auch immer gedacht. Aber in den letzten Jahren wurden die biochemischen Vorg├Ąnge im K├Ârper besser erforscht und man hat herausgefunden, dass die ├Ątherischen ├ľle in ihrer reinsten Form direkt in die Zellen eindringen und ihre Vitalit├Ąt positiv unterst├╝tzen. Es gibt sogar ├ľle, die die Hirnblutschranke ├╝berwinden und so psychoaktiv wirken k├Ânnen. Mit dem ├Ątherischen ├ľl von Weihrauch erh├Ąlt das Hirn achtunddrei├čig Prozent mehr Sauerstoff, was sich auf die Konzentrationsf├Ąhigkeit auswirkt.┬ź Kiaras Augen leuchteten, als sie sich f├╝r das Thema immer mehr erw├Ąrmte.
┬╗Aber ich habe nur zuviel Lik├Âr getrunken, schlecht geschlafen, einen verspannten Nacken und Kopfschmerzen.┬ź
Kiara sprang auf und kam gleich darauf mit einem Fl├Ąschchen zur├╝ck. ┬╗Probier doch diesen Roller aus. Streiche ein wenig auf den Nacken, hinter die Ohren und an die Schl├Ąfen. Aber pass auf, dass du nicht zu nah an die Augen kommst. Die Mischung ist ziemlich stark. Dann legst du dich nochmals ein paar Minuten hin und wartest ab, was passiert.┬ź
Tina sah zur K├╝chenuhr an der Wand. ┬╗Okay, ich probiere es aus. Gro├č Hunger habe ich sowieso nicht.┬ź Sie schraubte den Deckel ab und roch am Roller. Der Duft war wirklich sehr stark und stechend und nicht besonders angenehm. Unwillk├╝rlich r├╝mpfte sie die Nase und sah Kiara zweifelnd an.
┬╗Ja, ich wei├č, diese Mischung riecht nicht so gut wie andere. Aber sie erf├╝llt ihren Zweck.┬ź Kiara schlug ein hartgekochtes Ei auf.
Tina entschied, dass sie nichts zu verlieren hatte, und strich sich das ├ľl sorgf├Ąltig an die von Kiara beschriebenen Stellen. Dann ging sie ins Wohnzimmer, legte sich auf die Couch und schloss die Augen. Kurz darauf wurden die eingestrichenen Stellen kalt, als h├Ątte sie Eis aufgelegt.
┬╗Und bewusst atmen┬ź, rief Kiara aus der K├╝che.
Tina musste l├Ącheln. Von dieser Technik hatte ihr Kiara schon vor einem halben Jahr vorgeschw├Ąrmt. Sich bewusst auf den Atem zu konzentrieren, konnte helfen, innerlich zur Ruhe zu kommen und l├Ąstiges Gedankenkarussell loszuwerden. Sie konzentrierte sich auf den n├Ąchsten Atemzug, hielt die Luft ein paar Sekunden an und lie├č sie wieder bewusst und konzentriert entweichen. Das wiederholte sie noch drei Mal.
Dann wachte sie mit einem Ruck auf. Die Kopfschmerzen waren zusammengeschrumpft wie Bohnen im D├Ârrapparat und kaum noch vorhanden. Die Verspannung im Nacken war verschwunden und sie f├╝hlte sich wieder erfrischt. Langsam setzte sie sich auf und blickte auf die Uhr. Es war gerade einmal eine Viertelstunde vergangen. Kiara klapperte in der K├╝che und summte eine Melodie.
Tina streckte sich und drehte probeweise den Nacken. Die Verspannungsschmerzen waren wirklich weg. Und von den Kopfschmerzen konnte sie nur noch erahnen, dass sie vorher da gewesen waren. ┬╗Das ist wirklich unglaublich, Kiara. Ich f├╝hle mich wie neu geboren. Oder zumindest wie ausgeschlafen.┬ź
Kiara strahlte. ┬╗Siehst du? Wenn du willst, f├╝hre ich dir das n├Ąchste Mal meine ├ľlsammlung vor. Aber jetzt muss ich mich langsam auf den Weg machen. Die Arbeit ruft.┬ź
┬╗Abgemacht. Das hat mich ├╝berzeugt. Und ich muss auch los.┬ź